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Katholische Pfarrei
St.Georg


Zwei Pfarrer im Gespräch:  "Wir verlieren an gesellschaftlichem Einfluss"

Interview mit Pfr. Brunner und Pfr. Bernd Schindler
Pfarrer Bernd Schindler von der Paulanerkirche (links) und Pfarrer Markus Brunner von St.Georg

Halbleere Kirchenbänke und steigende Austrittszahlen. Die Kirche ächzt unter der Last gesellschaftlicher Veränderungen.
Die Amberger Pfarrer Markus Brunner und Bernd Schindler über Sinn-Findung.
Text: Florian Bindl     Bilder: Wolfgang Steinbacher
 



Im Pfarrheim St. Georg am Westrand der Amberger Altstadt ist es angenehm warm. Auf dem Tisch stehen Plätzchen und eine Kanne Kaffee. Katholik Markus Brunner von St. Georg und Bernd Schindler von der Paulanerkirche wirken zunächst wie ein ungleiches Paar. Katholisch und evangelisch. Klassische Gel-Frisur und Dreadlocks. Über elf Jahre trennen sie. Im Gespräch wird rasch klar: Die beiden haben mehr gemeinsam als gedacht. Sie kennen, verstehen und schätzen sich.

ONETZ: Herr Brunner, Herr Schindler, wie sind Sie in die Zwanzigerjahre gestartet? Haben Sie Vorsätze?
Pfarrer Brunner: Der Beginn eines neuen Jahrzehnts hat aus pastoraler Sicht wenig Bedeutung für die konkrete Arbeit. Ich gehe mit der gleichen Gelassenheit und Ernsthaftigkeit an die Arbeit heran wie im vergangenen Jahrzehnt.
Intrview Pfarrer Brunner

ONETZ: Und Sie, Herr Schindler?
Pfarrer Schindler: Das kann ich unterschreiben. Die Eigenschaften Gelassenheit und Ernsthaftigkeit sollten alle Christen auszeichnen, nicht nur uns Pfarrer.

ONETZ: 2019 war mit der Amazonas-Synode und den Entwicklungen im Missbrauchsskandal ein bewegtes Jahr. Wie hat sich die katholische Kirche Ihrer Meinung nach präsentiert, Herr Brunner?

Pfarrer Brunner: Wir spüren, dass wir in einem enormen Wandel sind. Sowohl im Hinblick auf unsere Außenwirkung, als auch die Entwicklungen innerhalb der Kirche. Auf die Weltkirche haben wir hier in Amberg keinen Einfluss und harren der Dinge die da kommen werden. In unserem Aufgabenbereich, unseren Gemeinden, spüren wir schon, dass sich der religiöse Grundwasserspiegel senkt. Große Teile der Gesellschaft stehen der Kirche gleichgültig bis ablehnend gegenüber. Es sind aber noch immer genügend Leute da, die gern und überzeugt mitarbeiten.
"Je weniger religiös eine Gesellschaft ist, desto weniger ist sie menschlich." Pfarrer Markus Brunner


ONETZ: Wie sehen Sie die Entwicklungen in der katholischen Kirche von außen, Herr Schindler?
Interview mit Pfarrrer Schindler

Pfarrrer Schindler: Für mich ist entscheidend, dass wir hier vor Ort einen sehr guten Kontakt zwischen den Konfessionen haben. Das Miteinander bietet Chancen. Als Student habe ich immer gedacht: Das geht doch nie zusammen. Um dann später zu merken: Es gibt sehr viel, was man gemeinsam machen kann. Der Fokus liegt natürlich auf der eigenen Gemeinde. Wir haben hier aber ein sehr gutes und positives Miteinander. Das ist nicht selbstverständlich.

Pfarrer Brunner: Ja, da ist sehr viel gewachsen an gegenseitiger Wertschätzung, Toleranz und freundschaftlichen Verhältnissen. Wir spüren, dass wir das Gleiche wollen.

ONETZ: Schauen wir auf die Kirchenstatistik. 2018 sind in Deutschland 700.000 Menschen aus der Kirche ausgetreten. Die Prognose für 2019 liegt bei 800.000. Das ist eine Stadt, größer als Frankfurt. In Ihren Kirchengemeinden sind die Austrittszahlen ebenfalls höher als die der Taufen (siehe Info). Und sie steigen Jahr für Jahr. Tut Ihnen das persönlich weh?

Pfarrer Brunner: Das lässt einen natürlich nicht unberührt, wenn so viele Menschen sagen: Ich will mit dieser Kirche nichts mehr zu tun haben. Manchmal ist das ein längerer Entscheidungsprozess. Und dann ist da noch der Super-GAU, der Missbrauchsskandal. Da haben viele gesagt: Jetzt ist für mich Schluss. Übersehen wird oft, dass wir ihnen anbieten, für ihre Sinnfindung ein brauchbares Fundament zu entdecken. Der Glaube führt zu einem gefestigten Menschsein.

Pfarrer Schindler: Ich glaube, es gibt ganz unterschiedliche Gründe, warum jemand aus der Kirche austritt. Manchmal ist es nur der Mitgliedsbeitrag. Wir verlieren zusehends an gesellschaftlichem Einfluss. In der heutigen Zeit geht es viel um Konsum, der Raum für uns selbst und den Nächsten nimmt dagegen leider ab. Das ist schade und keine gute Entwicklung.


ONETZ: Geht es den Menschen in großen Teilen von Deutschland zu gut, um das Sinn-Angebot Kirche wahrzunehmen? Sind wir nur gläubig, wenn es uns schlecht geht?
Pfarrer Schindler: In schweren Zeiten ist es ein Zurückgeworfensein auf sich selbst, das uns nachfragen lässt: Was gibt mir Halt, was macht in so einer Zeit noch Sinn? Ich höre immer wieder, den Leuten müsse es nur wieder schlechter gehen, dann kommen sie in die Kirche. Das ist aber der falsche Ansatz. Ich wünsche mir viel eher, dass wir ein neues Bewusstsein für die Lebensführung entwickeln. Das dominierende Gefühl in der Gesellschaft ist derzeit die Angst und der Blick auf sich selbst. Da hilft es, wenn man im Austausch ist. Mit den Mitmenschen, aber auch mit jemandem, der über einem steht: Gott.

Pfarrer Brunner: Viele sagen, es gibt vielleicht etwas Höheres. Aber die Kirche als Gemeinschaft erkennen sie nicht mehr an. Das liegt auch am weit verbreiteten Individualismus. Die Antenne für das Spirituelle ist nicht mehr so vorhanden. Es herrscht eine enorme Welt-Immanenz vor, die aber vergisst, dass es noch einen weiteren Sinn für mich und mein Leben geben könnte. Je weniger religiös eine Gesellschaft ist, desto weniger ist sie menschlich.

ONETZ: Erfahren Sie von den Ambergern die Gründe für ihren Austritt?
Pfarrer Brunner: Wir schreiben jedem, der austritt einen Brief zur Kontaktaufnahme. Auch zum Gedankenaustausch und um Verwundungen zu heilen. In all den Jahren, die ich solche Briefe verschicke, habe ich nur eine Antwort bisher bekommen. Normal gibt es keine Reaktion.

Pfarrer Schindler: Bei uns gab es auch eine einzige Antwort. Drei Seiten, da hatte sich jemand sehr viel Mühe gegeben. Alles in einem angemessenen Tonfall.

ONETZ: Eine Facebook-Umfrage von Onetz ergab, dass 70 Prozent der Meinung sind, die Kirche sei out. Woran liegt das?

Pfarrer Brunner: Man sieht daran, dass die Kirche derzeit einen schlechten Ruf hat und ihr oftmals kein Vertrauen entgegengebracht wird. Es gibt eine generelle Krise der Institutionen. Grund dafür ist wiederum der zunehmende Individualismus. Schließlich sagt die Kirche: Du darfst viel, aber nicht alles. Das widerspricht dem Bild des heutigen Menschen, der zur Selbstverwirklichung neigt und nur schwer generelle Regeln anerkennen will.
Pfarrer Schindler: Wir müssen uns schon selbst auch hinterfragen. Mache ich meinen Dienst immer richtig? Wir haben unsere Fehler gemacht. In Zukunft wird es auf die Sprache und die Form, wie wir mit den Menschen sprechen, ankommen. Bei manchen ist die Fremdheitserfahrung in der Kirche sehr groß. Vieles, was die Leute früher fast auswendig mitsprechen konnten, geht heute nicht mehr. Wir stehen teilweise vorne und sprechen das Glaubensbekenntnis allein. Im persönlichen Kontakt erlebe ich aber immer noch einen großen Vertrauensvorschuss, etwa bei Seelsorgegesprächen. Das überrascht mich immer wieder. Dieses Vertrauen dürfen wir nicht enttäuschen.
"Die Jugend ist manchmal unser bester Lehrmeister." Pfarrer Bernd Schindler

ONETZ: In den USA erleben die Mega-Churches einen Boom. Christliche Massenveranstaltungen mit Lichtshow und Spektakel. Vereinzelt gibt es solche Tendenzen schon in Norddeutschland. Kann man so etwas auch bei uns umsetzen und dadurch Mitglieder halten?

Pfarrer Schindler: Bei solchen Veranstaltungen passiert wahnsinnig viel über Gefühlswelten, bis hin zu Gefühlsmanipulationen. Gerade diese Mega-Churches haben etwas von einer Großversammlung, bei der es schwer ist sich emotional zu entziehen. Wo bleibt da die Freiheit des Einzelnen? Ich weiß nicht, ob ich das möchte. Sicher ist das faszinierend, aber diese Art von emotionaler Gereiztheit – da wäre ich vorsichtig. Das Gehirn muss mitkommen. Obwohl schon zu erkennen ist, dass diese Events etwas in den Menschen ansprechen.

Pfarrer Brunner: Für mich wirken diese Events wie Zuckerwatte. Sehr süß und aufgebauscht, aber im Mund fällt sie gleich zusammen. Oft ist Einfachheit wertvoller, das Alltägliche ist, was am Ende Bestand hat.
Pfarrer Schindler: Vor kurzem habe ich mit meinen Konfirmanden gesprochen und sie gefragt: Was wünscht ihr euch eigentlich im Gottesdienst? Ich dachte immer, ich muss Hip-Hop spielen. Wissen Sie, was die gesagt haben? Sie wünschen sich was ruhiges. Zusammensitzen. Runterkommen. Weil sie im Alltag überflutet werden von Videos mit schnellen Schnitten. Manchmal ist die Jugend unser bester Lehrmeister. Wir müssen uns nur Fridays for Future anschauen. Die legen den Finger in die Wunde.

ONETZ: Stichwort Fridays for Future: Die Bewahrung der Schöpfung zählt zu den obersten Aufgaben von Christen. Müsste die Kirche dann nicht Vorreiter sein im Kampf für Klimaschutz?
Pfarrer Brunner: Die Schöpfung ist von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen seit ich denken kann ausgenutzt worden. Jetzt muss man umdenken. Ich bin mir aber unsicher, ob die Kirche an die Spitze eines Demonstrationszuges gehen sollte. Der Einsatz von Christen für die Umwelt ist zweifelsohne sehr wertvoll. Die Kirche hat schon immer darauf hingewiesen, dass der Mensch nicht Herr über die Schöpfung ist.
Pfarrer Schindler: Ich bin etwas hin- und hergerissen. Persönlich bedauere ich, dass sich die Kirche nicht stärker für die Umwelt einsetzt. Wir haben uns zu sehr zurückgehalten und an den Rand gestellt. Das war zu wenig, da schließe ich mich selbst in den Vorwurf ein. Die Jugend wirft hier Fragen auf, zu denen die Kirche in ökologischer und gesellschaftlicher Sicht etwas zu sagen hätte. Da sehe ich viele Gemeinsamkeiten.

ONETZ: Könnte die Kirche so die Jugend zurückgewinnen?
Pfarrer Schindler: Ich kriege mit, dass Leute sagen, wir könnten hier mehr Klarheit signalisieren. Es geht uns aber nicht darum, jemanden für die Kirche zu gewinnen. Anbiedern geht immer nach hinten los. Wir sollten uns ernsthaft für das Thema einsetzen und ein wertvoller Gesprächspartner sein. Das haben wir verpasst.
Pfarrer Brunner: Es wurden aber schon ein paar Schritte in diese Richtung eingeleitet. Insgesamt haben wir es aber versäumt, das rechtzeitig zu thematisieren. Das ist richtig. Hoffentlich gehört das in Zukunft zur Debatte, um die Schöpfung zu bewahren.

Info:   Exemplarische Kirchenzahlen
St. Georg: Taufen: 32 Beerdigungen: 69 Austritte: 70 Eintritte: 3
Paulanerkirche: Taufen: 63 Beerdigungen: 79 Austritte: 71 Eintritte: 9